Ein Dunkelfeld für die Stabilität der Normen

schreibt Christian Bommarius (04.10.2015 berliner-zeitung.de)

Es geht zwar vornehmlich um den Doktortitel der von der Leyen, Beachtung finden sollte aber folgendes:

Kein vernünftiger Mensch wird verlangen, dass die Verletzung eines Verbots unter allen Umständen in jedem Fall aufgedeckt und verfolgt werde. Wollte der Staat jede Verletzung eines Straftatbestands aufklären und bestrafen, würde er ? wie der Freiburger Soziologe Heinrich Popitz im Jahr 1968 bemerkte ? dafür sofort mit dem Zusammenbruch sowohl des Normen- als auch des Sanktionensystems bezahlen. Denn würden alle Verbrechen aufgedeckt, dann käme auch das gigantische Dunkelfeld ans Licht, und damit würde die Autorität der Norm sofort verdunsten: Wenn jeder weiß, dass kaum jemand die Norm respektiert, wird es ihm leichter fallen, sie ebenfalls nicht zu beachten. Würden darüber hinaus alle Normbrüche bestraft, würde auch das Sanktionensystem wegen Überlastung zusammenstürzen: Denn so viele Gefängnisse, dass fast alle Bürger Platz darin fänden, so viele Gerichtssäle und Vernehmungsräume halten nicht einmal Diktaturen bereit. Und auch die Zahl der Prüfungskommissionen an den Universitäten müsste drastisch erhöht werden, um der Zahl der Aberkennungsverfahren nachzukommen.

Die Pointe liegt darin, dass das Dunkelfeld ? das doch unentwegt ausgeleuchtet werden soll ? benötigt wird, um die Stabilität der Normen zu garantieren. Andererseits ist das immer wieder erneuerte Versprechen, das Dunkelfeld auszuleuchten, erforderlich, um die Angst der Adressaten vor Entdeckung zu mobilisieren. Das verlangt von Fall zu Fall die Überführung und Bestrafung eines Täters.

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